Pflonzgortn Solis: Ein Garten, der zuerst da war, und ein Lokal, das sich ihm unterordnet
Solis · Vinschgau · Südtirol
Manche Orte erreicht man nicht einfach mit dem Auto. Man muss laufen, ein Stück bergauf, am besten entlang eines Wasserlaufs, der älter ist als jede Straße in der Nähe. Genau so bin ich zum Pflonzgortn Solis gekommen, hoch über Mals im Vinschgau. Und genau das macht den Ort zu etwas anderem als ein gewöhnliches Restaurant.
Zu Fuß über die alten Waale
Der Weg dorthin ist Teil des Erlebnisses, nicht nur Mittel zum Zweck. Ich bin über die alten Bewässerungskanäle spaziert, die sogenannten Waale, die im Vinschgau seit Jahrhunderten das Wasser von den Bergen auf die trockenen Wiesen und Felder bringen. Schmale Pfade, das leise Plätschern nebenher, kein Verkehrslärm, kein Motor. Nur der eigene Schritt und der Blick, der sich mit jeder Kurve etwas weiter öffnet.
Ein herzlicher Dank an Jonas an dieser Stelle, der uns unterwegs einiges über das Vinschgau erzählt hat, von der Geschichte der Waalwege bis zu Details, die man auf keiner Infotafel findet. Genau solche Begegnungen sind es, die aus einer Wanderung eine Geschichte machen.
Ein Garten, der zuerst da war
Oben angekommen, auf 1.150 Metern, wartet das Pflonzgortn Solis. Was sofort auffällt: Der Garten war zuerst da. Das Lokal hat sich ihm untergeordnet, nicht umgekehrt. Kein zurechtgestutzter Hotelgarten, sondern eine gewachsene Fläche, die sich in den Hang schmiegt, als hätte sie schon immer dort gestanden. Genau diese Reihenfolge, Natur zuerst, Architektur danach, spürt man in jedem Winkel des Ortes.
Begrüßt wurden wir von Sonia Del Santo und ihrem Team, herzlich, ohne Inszenierung. Kein aufgesetztes Servicelächeln, sondern echte Gastfreundschaft, wie man sie sich in den Bergen wünscht.
Der Ausblick, der den Weg allein schon rechtfertigt
Gegenüber liegen die Berge fast zum Greifen nah, ein Panorama, das sich über den ganzen Nachmittag hinzieht und mit jedem Lichtwechsel neu aussieht. Man setzt sich hin, und die erste Reaktion ist erst einmal: schweigen. Genau dieses Innehalten ist selten geworden, gerade an Orten, die man leicht erreichen kann. Hier muss man sich den Blick verdienen, und das macht ihn nur wertvoller.
Kräuter aus dem eigenen Garten, Küche mit klarer Linie
Kulinarisch bewegt sich das Solis zwischen alpinen und mediterranen Einflüssen, und das auf einem Niveau, das man auf dieser Höhe nicht unbedingt erwartet. Die Kräuter kommen direkt aus dem eigenen Garten, wenige Meter vom Teller entfernt gewachsen. Man schmeckt den Unterschied sofort, frischer, direkter, ohne den Umweg über einen Großhändler.
Die Küche selbst kocht geradlinig, ohne unnötige Spielereien, dafür mit Fokus auf Qualität und Regionalität. Ausgesuchte Spezialitäten, handwerklich sauber umgesetzt, das ist hier keine Floskel, sondern spürbare Praxis. Kein Ort, der mit Effekten arbeitet. Ein Ort, der weiß, was er kann, und genau das zeigt.
Warum sich der Weg lohnt
Das Pflonzgortn Solis ist kein Lokal, in das man mal eben hineinspaziert. Man muss es sich erarbeiten, zu Fuß oder mit dem Bike, über alte Wasserwege, vorbei an Wiesen und Lärchen. Aber genau diese Anstrengung macht den Unterschied. Wer ankommt, wird nicht nur mit gutem Essen belohnt, sondern mit einem Ort, der sich seine Ruhe bewahrt hat, weil er sie sich schwer erreichbar gemacht hat.
Für alle, die den Vinschgau abseits der Hauptstraßen entdecken wollen, ist das hier ein Pflichttermin. Weniger Reisetipp im klassischen Sinn, mehr eine kleine Expedition mit Belohnung am Ziel.